Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
Was soll man von einem Buch halten, dass da als seltsam großformatiges Taschenbuch mit Öko-Pappeinband mitten im Bestsellerregal beim Buchhändler steht und den beinahe schon geisteskranken Titel “Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch” trägt?
Keine Ahnung - als vorurteilsfreier Mensch (hust, hust) hab ich’s mir gekauft und im schönsten Wortsinne “reingezogen”: Der Roman von Marina Lewycka hat mich mit seinen herrlich kruden und leicht verrückten Charakteren gepackt und nicht mehr los gelassen.
Zur Story nur so viel: Ein zerstrittenes, aus der Ukraine stammendes, nun in England lebendes Schwesternpaar bekommt von ihrem seit kurzem verwitweten, über achtzig-jährigen Vater eröffnet, dass er sich verliebt hat und nochmal heiraten wird. Nicht nur, dass die Schwestern den Gedanken an sich schon für verrückt halten - Vaters Zukünftige ist auch noch eine vollbusige, ukrainische Mitt-Dreißigerin, die - klarer Fall - nur eine Aufenthaltsgenehmigung und das Erbe ergaunern will. Die Ehe muss also um jeden Preis verhindert werden.
Was wie ein typisches Hausfrauenbuch oder eine Vorlage für eine familientaugliche Komödie für das ZDF-Vorabendprogramm (”für jung und alt”) klingt, entwickelt sich nach den ersten 50 Seiten zu einer faszinierenden, höchst vergnüglichen Familien-Katastrophe mit großartigen Dialogen, wunderbar dargestellten Personen und einer verwickelten Handlung.
Ganz hervorragend hat mir daran gefallen, wie Lewycka es schafft, die Familiengeschichte und damit auch die Geschichte der Ukraine in die Handlung einzuweben: Immerwieder liest der Vater aus seinem Buch, dass er über die Entstehungsgeschichte des Traktors schreibt, vor und beim gemeinsamen Kampf der Schwestern gegen die zukünftige, jüngere Stiefmutter treten immer neue alte Geschichten von der Flucht der Familie aus der Ukraine zutage.
Wer noch ein gutes Geschenk für Weihnachten sucht - die Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch kann ich nur wärmstens empfehlen.
Am 1. Dezember 2006 um 22:34 Uhr
Hast du es also durch? Vielleicht leih ich mir das mal bei dir aus, wenn ich meinen Schwarm zu Ende gelesen hab. Das klingt schon eher nach einem Buch, das mir vermutlich nicht so gefallen wird… Aber: ich lass mich gern überzeugen